Freitag, 8. Februar 2013

Stiftung für Geisteswissenschaft und Dreigliederungsforschung e.V.


Am vergangenen Wochenende konnte in einem Rundbrief an einige Freunde in der Anthroposophischen Bewegung*, erstmals auf die Webseite der "Stiftung für Geisteswissenschaft und Dreigliederungsforschung e.V.", hingewiesen werden.


Diese Stiftung wurde am 1. Mai des vergangenen Jahres gegründet und ist auch die Erbin des Nachlasses von Wilfried Heidt (1941-2012), dessen Tod sich am 2. Februar zum ersten mal jährte. Der neue Arbeitsbereich – der noch zu seinen Lebzeiten von ihm mit vorbereitet wurde – steht nun in der Verantwortung, sein hinterlassenes Werk zu pflegen und auch für die zukünftigen Generationen fruchtbar zu machen.

Neben diesem Aufgabenfeld steht auch die Arbeit anderer Weggefährten, die in der vierzigjährigen Geschichte des Internationalen Kulturzentrums Achberg aus dem Impuls der Dreigliederung maßgeblich gewirkt haben, im Fokus.**

Nachdem wir im Vorfeld unserer diesjährigen Weihnachtstagung schon eine Dokumentation zur Arbeit an den Fragen der ››› Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft auf der provisorischen Seite veröffentlicht hatten, konnten nun weitere Inhalte folgen, sodass jetzt auf die Adresse öffentlich hingewiesen werden kann: www.stiftung-gw3.de

In dem genannten Rundbrief zum 2./3. Februar, wurde der Anlass dieser Mitteilung aber auch dazu genutzt, den Namen der Stiftung zu besinnen, denn es sind da zwei Begriffe zusammengeführt, die auch in Rudolf Steiners Wirken miteinander verbunden in Erscheinung getreten sind:

Geisteswissenschaft (Anthroposophie) & Dreigliederung
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Neben dem, dass schon 1905/06 der Aufsatz Rudolf Steiners, in dem er das "soziale Hauptgesetz" mitteilte, den Titel "Theosophie und soziale Frage" trug, soll hier auf einen anderen Zusammenhang geblickt werden. Als im Mai 1921 die Zeitschrift „Das Goetheanum“ gegründet wurde, trug sie den Untertitel: „Internationale Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung“ also noch nicht die heutige reduzierte Formulierung "Wochenschrift für Anthroposophie".  Dies war erst ab 1935, dem Schicksalsjahr der Anthroposophischen Gesellschaft, so. (Das Wort „International“ ist bereits 1933 weggelassen worden. „Dreigliederung“ verschwand dann zwei Jahre später; siehe "Die anthroposophischen Zeitschriften von 1903 bis 1985. Bibliographie und Lebensbilder", Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1987, S. 85ff. – Was die nähren Umstände der Namensänderung waren, in der Zeit, wo in Deutschland bereits der Nationalsozialismus tobte, muss noch ergründet werden. Wenn jemand dazu etwas kennt, möge er es bitte mitteilen. Das bekannte Notizbuchblatt, nachdem schon Rudolf Steiner diese Änderung erwogen haben soll, scheint mir nicht der Grund zu sein, denn faktisch hat er die Änderung ja nicht veranlasst und der Titel blieb auch noch einige Jahre über seinen Tod hinaus bestehen.)

In dem zitierten Buch findet man den interessanten Hinweis auf zwei Rundschreiben, die auf das geplante Blatt hinweisen. Dort ist folgendes zur Ausrichtung der Wochenschrift mitgeteilt:
"Diese Wochenschrift soll den brennenden kulturellen und sozialen Fragen unserer Zeit gewidmet sein. Aus einer wirklichkeitsgemäßen Erfassung dieser Fragen sollen in kultureller, politischer und wirtschaftlich-sozialer Hinsicht Richtungen und Wege gewiesen werden zu einer Überwindung der Niedergangs- und Zerstörungskräfte der Gegenwart. Die Substanz eines neuen, auf sich selbst gestellten Geisteslebens soll in den Blättern dieser Wochenschrift deutlichen Ausdruck finden. Und es soll an Lebenstatsachen erwiesen werden, wie nur ein solches neues freies Geistesleben die wahren Befruchtungskräfte geben kann für eine auf assoziativen Zusammenhängen beruhenden Weltwirtschaft."
Anthroposophie als „die Substanz eines neuen, auf sich selbst gestellten Geisteslebens“ tritt hier in den Dienst der Aufgaben in kultureller, politischer und wirtschaftlich-sozialer Hinsicht; Aufgaben im Zeitgeschehen. – In allgemeinerer aber zugleich esoterisch vertiefteren Weise kommt dies auch bei der Weihnachtstagung zur Neubegründung der anthroposophischen Gesellschaft zum Ausdruck. Diese Weihnachtstagung sollte sein: "eine Weihenacht, ein Weihefest [...] nicht nur für einen Jahresanfang, sondern für einen Welten-Zeitenwende-Anfang, dem wir uns widmen wollen zu hingebungsvoller Pflege des geistigen Lebens" (1.1.1924, GA 260, Abschlussvortrag). Und dieser Wille zur Pflege des geistigen Lebens war verbunden mit dem "obersten Grundsatz", den Rudolf Steiner an den Anfang der Tagung stellte: Dass "in der anthroposophischen Bewegung, die ihre Hülle haben soll in der Anthroposophischen Gesellschaft, […] alles geistgewollt ist, daß sie sein will eine Erfüllung desjenigen, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen" (am 24.12.1923, GA 260, Eröffnungsvortrag). Und sie soll sich dadurch von "irgendeiner anderen Vereinigung, die es gegenwärtig geben kann", unterscheiden, "daß aus der Kraft der Anthroposophie selber heraus diese Möglichkeit besteht, die denkbar größte Öffentlichkeit zu verbinden mit wahrster, innerlichster Esoterik" (am 26.12.1923, GA 260).

In dem Moment, als Rudolf Steiner diese Worte sprach, was der erste Anlauf eines politischen Dreigliederungsprojekt bereits zu Grabe getragen.:
 "Man möchte sagen, als von dem Dreigliederungsimpuls im sozialen Leben gesprochen worden ist, da war das gewissermaßen eine Prüfung, ob der Michael-Gedanke schon so stark ist, daß gefühlt werden kann, wie ein solcher Impuls unmittelbar aus den zeitgestaltenden Kräften herausquillt. Es war eine Prüfung der Menschenseele, ob der Michael-Gedanke in einer Anzahl von Menschen stark genug ist. Nun, die Prüfung hat ein negatives Resultat ergeben. Der Michael-Gedanke ist noch nicht stark genug in auch nur einer kleinen Anzahl von Menschen, um wirklich in seiner ganzen zeitgestaltenden Kraft und Kräftigkeit empfunden zu werden.“, zieht Rudolf Steiner am Ostermontag, dem 2. April 1923 Bilanz.
Das war der dramatische Befund nach dem Brand des Goetheanum und vor der Weihnachtstagung, mit der nun ein "neuer Zug" in das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft kommen sollte, wo jetzt aus der hingebungsvollen Pflege der "Anthroposophie", die "Zeichen der Zeit" in voller Öffentlichkeit aus der "Kraft der Anthroposophie" zur Erfüllung geführt werden sollten. Steht diese Beschreibung einem kräftig vor der Seele, dann kann es einem ganz richtig erscheinen, dass die Wochenschrift – als das um eine Nachrichtenblatt ergänzte Organ der Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft – seinen ursprünglichen Untertitel noch weiterführte, wo das Wort "Dreigliederung" neben dem Begriff „Anthroposophie“ als zusammengehörig in Erscheinung tritt.


Daran wurde auch auf der Einladung zur ››› Achberger Weihnachtstagung 2012/13 erinnert.

Nachdem dieser Zusammenhang verloren ging und festgestellt werden muss, dass die anthroposophische Bewegung und Gesellschaft nicht wieder dahin gefunden hatte, auch eine Bewegung für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus zu sein***, ja dieser Impuls für das Ganze der Bewegung ein "Stiefkind" blieb, war es nach den tragischen Jahren des zweiten Weltkrieges und der ersten Zeit danach erst wieder die Arbeit, die mit dem Anbruch des letzten Drittels des Jahrhundert begann und dann auch zur Gründung des Internationalen Kulturzentrum Achberg führte, dass jetzt wieder „Anthroposophie und Dreigliederung“ in einem Atemzug genannt werden konnte.

Immer deutlicher soll erkannte werden, wer da in Achberg gewirkt hat und was von dort ausging an vielfältigsten Impulsen, um das hervorzubringen, was in den vielfältigsten Arbeitsergebnissen für die weitere Entwicklung des Weltgeschehens nicht entbehrt werden kann, soll diese soziale Entwicklung der Menschheit die heilsamen Wege finden, derer sie bedarf.

Dem will die "Stiftung für Geisteswissenschaft und Dreigliederungsforschung e.V." dienen.

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* Wer als in der anthroposophischen Bewegung stehender Mensch Interesse an diesem Rundbrief, in dem u.a. zum 1. Todestag Wilfried Heidts und zum Jahrestag der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft am 3. Februar 1913 weitere, vertiefte Betrachtungen angestellt werden, kann mir dies gerne per eMail mitteilen: gerhardsch33@gmail.com

** Neben einer großen Zahl an Persönlichkeiten, die Berührungspunkte mit Achberg haben, sind dies neben Wilfried Heidt vor allem Wilhelm Schmundt (1898-1992), Peter Schilinski (1916-1992), Joseph Beuys (1921-1986) und Bertold Hasen-Müller (1932-2002), die, wie es in der Satzung der Stiftung heißt: "bei aller Verschiedenheit ihres Wirkens untereinander dadurch verbunden sind, dass sie ihre Arbeit auf dem Werk Steiners gründeten und diesem neue Elemente hinzufügten, außerdem Mitbegründer bzw. Mitarbeiter des Internationalen Kulturzentrums Achberg waren und schließlich von der Erkenntnis ausgingen, dass die Ideen der Geisteswissenschaft die Brücke bilden zwischen zeitgemäßer Esoterik und denkbar größter Öffentlichkeit und dass insbesondere mit dem Dreigliederungsimpuls die wesentlichsten Entwicklungsaufgaben in der gegenwärtigen Kulturepoche verbunden sind.”

*** Was auch zusammenhängt mit jenem Ereignis, dass heute vor 88 Jahren, am 8. Februar 1925 im  Konstitutionsgeschehen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, stattgefunden hat. – So kann es auch als ganz stimmig erlebt werden, dass die oben genannte  ››› Dokumentation der Arbeit zu den Fragen der erste Inhalt auf der Webseite der Stiftung war.