Montag, 11. Februar 2013

Dante, der Papst und die Lebensfragen Europas heute

Der heute erfolgte Rücktritt Papst Benedikts XVI. – des Oberhauptes der katholischen Kirche – kann uns aufmerksam machen auf ein Kapitel "ungeschriebener Geschichte" (Karl Heyer), welches die Weichen über 700 Jahre in eine andere Richtung hätte stellen können, wenn es geschrieben worden wäre.

Darstellung Dantes auf Raffaels
Fresko "Disputa del Sacramento"
in den Stanza della Segnatura in den
apostolischen Gemächern im Vatikan
Es ist dies ein Hinweis, mit dem Rudolf Steiner einen Gedanken des englischen Schriftstellers Thomas Carlyle aufgreift, "daß aus Dingen heraus, die äußerlich wie ein Zufall oder gar als noch etwas anderes erscheinen, wie etwas, das nicht nach Wunsch der Menschen gegangen ist, doch etwas ungeheuer Großes [wie die "Göttliche Komödie" von Dante] entstanden ist." "Derjenige", sagt Rudolf Steiner, "der etwas von der Geisteswissenschaft nicht bloß in seine Theorie, sondern in sein Gemüt aufgenommen hat, der wird gerade bei dieser Stelle [wo Carlyle über dieses Schicksal Dantes und seiner Verbannung spricht] auf etwas aufmerksam werden können. [...] Die Menschheit verdankt die 'Göttliche Komödie' einem Geschicke von Dante, das sich Dante sicher nicht herbeigewünscht haben würde. [...] Diese Bemerkung", sagt Steiner "ist geistreich". Und viel Geistreiches konnte man auch heute hören, schon in den ersten Stunden, nachdem bekannt wurde, dass Benedikt zurückgetreten ist. – Also Carlyle war "ein sehr geistreicher Mann [...] aber er hat nichts gefühlt von dem", worauf Rudolf Steiner dabei aufmerksam wurde:
"Nehmen wir wirklich an, Dante hätte sein Ziel erreicht, wäre nicht entwurzelt worden in Florenz, wäre eines der Stadt- oder Kirchenhäupter geworden, was ziemlich verwandt ist in der öffentlichen Wirksamkeit. Da Dante - das werden Sie nach dem, was in der 'Göttlichen Komödie' vorliegt, zugeben - bedeutende Fähigkeiten hatte, wäre er ein bedeutender Lord Mayor geworden, er hätte etwas ungeheuer Bedeutendes dargestellt. Also die Geschichte würde ganz anders aussehen. Florenz hätte ein sehr bedeutendes Stadt- und Staatsoberhaupt gehabt. Ja, nicht nur das! Sondern denken Sie sich hinein in dieses Florenz, das von all den Räten nun verwaltet worden wäre mit den Fähigkeiten, die dann in die 'Göttliche Komödie' geflossen sind. Diese Verwaltung in einer so genialen Weise, sie würde bedeuten, daß viele, viele Kräfte, die da waren, unterbunden worden wären in ihrem geheimnisvollen Wirken. Es ist das allerdümmste, wenn behauptet wird, daß es nicht geniale Menschen in der Welt gäbe. Davon gibt es sehr viele. Sie gehen nur zugrunde, weil sie nicht erweckt werden. Wenn Dante Stadtoberhaupt geworden wäre, so hätte er auch einen Nachfolger gehabt, der sehr bedeutungsvoll gewesen wäre, und solche Nachfolger hätte er sieben gehabt. Just sieben Leute wären hintereinander gekommen - diese Dinge werden wir schon einmal begründen -, sieben bedeutende Leute hätten hintereinander als Oberhäupter von Florenz regiert. Etwas ganz Grandioses wäre entstanden, aber eine 'Göttliche Komödie' würde es nicht geben. Im Jahre 1265 ist Dante geboren. Wir leben jetzt in einer Zeit, wo wir, wenn alle diese sieben Leute dazumal in Florenz gewirkt hätten, in Florenz die Nachwirkungen noch immer spüren würden, denn sieben Jahrhunderte hätten sie gedauert! Sieben Jahrhunderte würden ganz anders verflossen sein, als sie verflossen sind. Das alles ist nicht geschehen. Die katholische Kirche ist noch da, aber die 'Göttliche Komödie' ist auch da." (Rudolf Steiner am 23. Oktober 1915, GA 254, S. 146f)
Die italienische Zwei-Euro-Münze
Nimmt man diesen Hinweis Rudolf Steiners ernst, dann mag es einem zur Frage werden, was es bedeutet, wenn wir uns ja jetzt im zeitlichen Abstand dieser 700 Jahre zu der Lebenszeit Dantes (1265-1321) bewegen! – Was bedeutet es für die Frage nach einer gesellschaftlichen Entwicklung, die das Freiheitswesen des Menschen voll zu berücksichtigen hat in allen Gestaltungsaufgaben im sozialen Organismus? Das Freiheitswesen des Menschen, dem eine Institution wie die katholische Kirche – die immer noch da ist – als ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten gegenüber- und aller Modernität entgegensteht.

Vor dieser Frage konnte man schon im Jahr 2002 stehen, als Dante genau diese 700 Jahre nach seiner Verbannung aus Florenz 1302 mit der Einführung einer europäischen Währung wieder aufgetaucht war und auf der italienischen Zwei-Euro-Münze seither in ganz Europa von Hand zu Hand geht.

Nun tritt heute der Papst – der Souverän dieser katholischen Kirche – zurück und man erfährt, dass so ein Papstrücktritt schon einmal, aber seither nicht wieder vor ca. sieben Jahrhunderten, im Jahr 1294, stattgefunden hat. Als mit Papst Coelestin V. ein aus seiner Einsamkeit gerissener Eremit aus den Abruzzen, dessen Grab in L´Aquila Benedikt im Jahr 2009 besuchte, auf den heiligen Stuhl gesetzt wurde und sich bereits nach wenigen Monaten wieder aus seinem Amt verabschiedete – ein auch in das Schicksal Dantes hineinreichender Schritt, denn nun kam jener Papst an die Macht, der in jener Zeit wirkte, in der Dante in jene Konflikte geriet, die zu seiner Verbannung führten; jener Papst, gegen dessen Machtanmaßung der spätere Dichter noch in seinem politischen Amt als Prior in Florenz öffentlich aufgetreten war. Und daher verpflanzt Dante diesen Papst Coelestin in seiner Göttlichen Komödie als Feigling an die Pforte des Inferno (Dritter Gesang, Vers 58-60), wo jene sitzen, die weder in der Hölle noch im Himmel einen rechten Platz haben:
Nachdem ich schon erkannt den einen oder andern,
sah hin ich und gewahrt' den Schatten jenes,
der aus Erbärmlichkeit einst Großes ausschlug.
 
"Durch seine Feigheit machte er einem der skrupellosesten Päpsten Platz, die das Mittelalter gekannt hat", schreibt der Romanist Walther von Wartburg in den Anmerkungen zu der mit seiner Frau Ida* gemeinsam ins Deutsche übersetzten Ausgabe der Göttlichen Komödie, aus der auch die zitierten Verse stammen (Zürich, Manesse Verlag, 1963, S. 67).

Neben den allseitigen Respektsbekundungen für Benedikt, die nun aus aller Welt zu vernehmen sind – keine Reaktion ohne dieses Wort "Respekt" –, ist doch dieser in den "Durchblicken" durch die Geschichte erkennbare Schicksalszusammenhang unserer Gegenwart mit Dante der eigentlich bemerkenswerte: Hier tritt zum ersten mal seit ca. 700 Jahren ein Papst aus seinem längst überlebten Amt zurück und wir sind dadurch und durch den zitierten Hinweis Rudolf Steiners zurückgeführt in jene Zeit, da Thomas von Aquin gerade einmal zwanzig Jahre tot war und die Templer noch nicht vernichtet sind.

Doch das in Rudolf Steiners Worten nahegelegte Ende der katholischen Kirche darf freilich nicht schon als in Dantes Zeit angesiedelt gedacht werden. Das wäre anachronistisch. Papst und Kaiser waren die bestimmenden Souveränitäten des ausklingenden Mittelalters und gerade Dante stand mitten im Brennpunkt von sich bekämpfenden Parteien, die sich in dieser Polarität von Krone und Tiara, unüberschaubar verflochten, gebildet hatten. Aber in Dantes Wirken lebt sich etwas dar – in der Dichtung anstelle eines politischen Wirkens – woran man erkennen kann, welches Wesen da zu welchen Aufgaben angetreten war:

Ich möchte in dieser Betrachtung, zu der ich spontan durch die überraschenden Ereignisse in Rom angeregt worden bin, Willem Veltman zu Wort kommen lassen, wo in dem Kapitel "Roma – Amor – Flora" seines Buches "Dantes Weltmission" (Stuttgart, Mellinger Verlag, 1979) jener Aspekt besonders deutlich zu Tage tritt:
"Angekommen auf dem Gipfel des Läuterungsberges, wo das Irdische Paradies sich öffnet, spricht Dantes Führer, Virgil, die folgenden Worte zum Abschied:
'... Das zeitliche und auch das ewge Feuer
hast du gesehn, mein Sohn, und bist am Ort,
wo ich durch eigne Kraft nicht weiterblicke.
Ich hab' dich hergeführt mit Geist und Klugheit;
nimm dir zum Führer jetzt des Herzens Trieb.
Die steilen, engen Pfade liegen hinter dir.
Sieh dort, die Sonne strahlet dir ins Antlitz;
sieh auch die Gräser, Blumen und die Sträucher,
die diese Erde ganz aus sich erzeuget,
Bis froh die schönen Augen sich dir nahen,
die weinend mich zu dir gerufen haben,
magst du dich setzen oder dich ergehen.
Nicht harr' mehr meines Winks noch meines Wortes,
frei, heil und aufrecht ist dein Wille jetzt,
falsch wär's nach seinem Sinne nicht zu handeln.
So krön' ich dich zu deinem eignen Papst und Kaiser.'
(Purg. XXVII, 127—142)
Virgil krönt Dante mit der kaiserlichen Krone und der päpstlichen Mitra. Diese Krönung ist kein Geschehen, das sich in der irdischen Welt abspielt als Bekräftigung der höchsten weltlichen und geistigen Souveränität; sie ist die Erreichung eines Einweihungsgrades, ein Stadium innerlicher Reife. Der Wille ist frei und stark geworden; das 'Ich' ist Souverän in der eigenen Seele. Man kann diese Passage so auffassen, daß man sagt: der freie Mensch, dessen Seele geläutert ist und dessen 'Ich' mit souveräner Macht das eigene Wesen beherrscht, ist sein eigener Kaiser und sein eigener Papst. Er fühlt höchste Verantwortlichkeit auf spirituellem und sozialem Gebiet nicht außerhalb von sich, sondern in sich selbst. [...]" (S. 77f)
Die Auseinandersetzungen in die Dante hineingestellt war – sowohl innerlich, wie äußerlich – war eine Auseinandersetzung um die Frage dieser "Souveränität" – einerseits in der Erscheinung der hier beschriebenen inneren Reife und andererseits in seiner Vision einer "umana civilità", wo diese "päpstlichen und kaiserlichen Würden als höchste Instanz" (ebd), mit denen das Individuum sich "krönt", wirken sollen.

Heute spielt in all den Fragen die Figur des Papstes keine entscheidende Rolle mehr. Und insofern ist der Rücktritt Benedikts auch nur Episode. Aber andere Verhältnisse sind es heute, auf die wir schauen müssen, wenn im Ringen um ein neues Verhältnis zwischen den einzelnen Nationalstaaten und der europäischen Ebene, die jetzt herrschenden Souveränitätsverhältnisse in Frage gestellt sind.**

Dies bekommt – ohne es hier näher begründen zu können – gerade jetzt, hundert Jahre nach dem 1. Weltkrieg und hundert Jahre nach dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, eine Brisanz, mit der Herausforderungen verbunden sind, die im Zeitgeschehen derart kulminieren, dass auch die Gefahr damit verbunden ist, dass uns die Demokratie, die Volkssouveränität, die noch nicht einmal vollständig errungen ist, abhanden kommt.

Die Gegenmaßnahme aus dem "Geist-Gewollten" (Rudolf Steiner bei der Weihnachtstagung 1923, GA 260) wäre, aus einer im Impuls der Dreigliederung wurzelnden Bewegung nicht nur die Volkssouveränität zu verteidigen bzw. sie auf die Höhe der Zeit zu heben, sondern noch weiterführend zu einer "ausdifferenzierten" Souveränität für Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben zu kommen, so wie das Bild der drei Könige in Goethes Märchen es verkündet; da wo auch ein Viertes im Spiel ist: Die Liebe, die nicht herrscht, aber bildet! – Eine den drei "Königen" dienende höhere Souveränität.
"L'amor che move il sole e l'altre stelle." – "Es ist die Liebe, die die Sonne bewegt und die andren Sterne!",
heißt es in dem allerletzten Vers der Göttlichen Komödie.

Also dieser Kampf kündigt sich jetzt als Aufgabe an:
"Und die Menschheit wird nicht weiter mitreden können, ohne daß sie ihren sozialen Organismus im Sinne der Dreigliederung: des Sozialismus für das Wirtschaftsleben, der Demokratie für das Rechts- oder Staatsleben, der Freiheit oder des Individualismus für das Geistesleben einrichtet. Das wird angesehen werden müssen als das einzige Heil, als die wirkliche Rettung der Menschheit." (Rudolf Steiner am 9. August 1919, GA 296)
Es mag dies dem ersten Blick alles wie "konstruiert" erscheinen. Doch wenn die letzten Lebensjahre Dantes in ihrer siebenhundertjährigen Spannkraft herüberreichen in jene Zeit, wo der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus von seinem Hundert-Jahres-Abstand her aufgegriffen werden will, dann kann dies für den, "der etwas von der Geisteswissenschaft nicht bloß in seine Theorie, sondern in sein Gemüt aufgenommen hat" (s.o.) schon bemerkenswert erscheinen.

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* Ida von Wartburg war die Schwester von Roman Boos und hat als Ärztin 1920 an dem Medizinischen Kurs Rudolf Steiners teilgenommen. Hier der Link zu ihre ››› Kurzbiographie auf der Seite der Forschungsstelle Kulturimpuls

** Um diese Fragestellungen wird es auch bei der Achberger Ostertagung gehen: http://www.kulturzentrum-achberg.de/tagung/ostertagung-2013