Mittwoch, 19. September 2012

In Achberg geht's immer noch ums Ganze!
Oder: Kann man die soziale Frage auch bauen?

Das Medianum im Goetheanum

Im Rahmen der Mitgliederver­­sam­mlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland vom 22. - 24. Juni 2012 am Goethe­a­num gab es für Initiativen und Projekte aus der anthroposo­­phischen Bewegung die Gelegen­heit sich vorzustellen. Auch das Internationale Kultur­zentrum Achberg (INKA) war vertreten. Wir haben dazu das Medianum-Modell mit­ge­bracht.

Moritz Christoph hat mich aus diesem Anlass interviewt.


Moritz Christoph: Ihr seid zur Mitgliederversammlung der deutschen Landesgesellschaft direkt von einer großen Aktion mitten in Wien angereist. Was habt Ihr in Wien gemacht?

Die Kuppelbühne in Wien
Gerhard Schuster: Wir haben ein zweiwöchiges interkulturelles Bezirksfest veranstaltet und haben dafür eine geodätische Kuppel – die „Kulturkuppel“ – als Bühne aufgebaut. Da gab es dann viel Programm mit Musik, Theater und sogar mit einer Modenschau, wo türkische und österreichische Frauen ihre selbst entworfenen und geschneiderten Kreationen vorgeführt haben. Das waren Projekte aus dem Bezirk, wo wir Kontakte zu verschiedenen kleineren und größeren Organisationen und Initiativen aufgebaut haben.

Freie Universität unter der Kuppel
Am Nachmittag gab es jeden Tag auch die „Freie Universität“. Da haben wir die Perspektiven einer neuen sozialen Architektur besprochen: „Freiheit der Kultur“, „Bedarfsorientiertes Wirtschaftsleben”, „Dienendes Geldwesen“, „Demokratie auf der Höhe der Zeit“ – das waren die Themen der Gespräche mit unseren Gästen unter der Kuppel. Die Demokratie stand zum Abschluss auf der Tagesordnung. Ein Thema, das in Österreich gerade stark diskutiert wird – Reform der Demokratie, sowohl der direkten wie auch der indirekten. In dieser öffentlichen Debatte mischen wir mit unserem Projekt zur „dreistufigen Volksgesetzgebung“ etwas mit und so ist es uns auch gelungen, die österreichische Parlamentspräsidentin zu gewinnen, an dem Kuppelgespräch gemeinsam mit noch zwei anderen Politikerinnen mitzuwirken.

M.Ch.: Warum beschäftigt Ihr Euch mit Kuppelarchitektur? Könnt Ihr da eine Brücke zu Eurem gesellschaftlichen Wirken schlagen?

G.S.: Das ist genau der Hintergrund – die soziale Frage! Kann man die soziale Frage auch bauen? – Im Sinne des Gedankens Rudolf Steiners: „Die Theosophie kann man auch bauen: Man kann sie bauen in der Architektonik, in der Erziehung und in der sozialen Frage.“ (Vortrag am 12. Juni 1907) – Hier am Goetheanum haben wir ja ein Modell mitgebracht, ein Ensemble von vier sich durchdringenden Kuppeln – das „Medianum“; vom Begriff der Mediation, der Vermittlung leitet sich dieser Name her. In Wien hatten wir nur eine einfache Kuppel, aber auch da wird schon etwas sichtbar. Das geodätische Bauprinzip, das da zugrundeliegt, erzeugt die Statik durch Vernetzung. Tragen und Lasten sind nicht mehr auf unterschiedliche Elemente, wie Säule und Giebel oder Wand und Dach aufgeteilt, sondern werden eins – die Säule wird zur Kuppel umgestülpt und wird zugleich das Dach – und dies geschieht dadurch, dass die Knotenpunkte des Netzwerkes zusammenwirken und kommunizieren.

3+1 - Die viel Kuppeln des Medianum
Der soziale Organismus ist aber nicht ein eindimensionales Wesen – daher tauchen im Medianumbau vier Kuppeln auf, sozusagen 3+1. Die drei „Basiskuppeln“ repräsentieren die drei bekannten Glieder des sozialen Organismus – klassisch gesprochen: Geistesleben, Wirtschaftsleben, Rechtsleben. Diese streben in der geschichtlichen Entwicklung auseinander. Jetzt besteht die Aufgabe das Gegliederte wieder zu einem Ganzen zu integrieren. In unserer Architektur hat diese Funktion die mittlere, kleinere Kuppel, die sich von oben hereinsenkt in die Trias und sie – auch statisch – zusammenhält. In der sozialen Architektur ist diese Funktion einerseits durch die kommunikative Vernetzung und andererseits durch ein richtig gedachtes, dienendes Geldwesen herzustellen. Gerade diese beiden sozialen Orte sind heute die neuralgischen Punkte, an denen die Krisen und Krankheiten sich entzünden, an denen die soziale Statik fehlt.

M.Ch.: Hier im Goetheanum steht ja 'nur' ein Modell des Medianums. Wird es auch real gebaut?

G.S.: Wir haben eine Bauhütte in Achberg errichtet, wo wir aber noch die finanziellen Mittel brauchen, um den ersten Prototyp des Medianums fertigzustellen. Die Kuppeln als Skelett kann man schon bewundern. Die große Einzelkuppel für Wien haben wir auch selbst produziert – wir wollen damit auch wirtschaftlich tätig werden, um Geld für unsere Arbeit in die Kasse zu bekommen. Aber man darf den Medianum-Bauimpuls nicht darauf reduzieren, dass wir z.B. für ein Tagungshaus, wie es das in Achberg ist, eine weiteres Raumangebot schaffen wollen. Der Bau soll in unterschiedlichen Entfaltungen überall da in Erscheinung treten, wo seine Formen gerade die gesellschaftlichen Prozesse unterstützen können, die in ihm zum Ausdruck gebracht sind. Das Medianum soll also überall das Dach werden, um darunter die Fragen und Aufgaben des sozialen Organismus zu beraten und zu gestalten – zum Beispiel im Zusammenhang mit der europäischen Integration.

M.Ch.: Im EU-Zusammenhang wart Ihr ja in den letzten Jahren aktiv. Was waren Eure wesentlichen Aktionen?

G.S.: Aktionen? – Das ist vielleicht nicht der richtige Fokus. Selbst eine schon recht große Aktion – zumindest für unsere Verhältnisse recht groß – wie das Wiener Kulturkuppelfest, ist ja aufs Ganze gesehen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Aktionen können Projekte begleiten. Projekte, die wir in Bezug auf die Herausforderungen im Zeitgeschehen zu gestalten versuchen. Im Bewusstsein jener Forderung, die Rudolf Steiner bei der Weihnachtstagung 1923 für die anthroposophische Bewegung aufzeigt, dass sie eine „Erfüllung desjenigen sein will, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen“. Die Zeichen der Zeit sprechen ja sehr deutlich. Und in den letzten zehn, fünfzehn Jahren wurden die Weichen innerhalb der europäischen Entwicklungen gestellt. Am Ende des 20. Jahrhunderts kündigte sich hier die Konstitutionsfrage an, die ja – übrigens genauso wie die der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft – noch immer unbeantwortet ist. Europa fehlt noch immer eine Verfassung. Wir haben 1999 dazu die Initiativ-Gesellschaft EuroVision gegründet. Sie ist bis heute zivilgesellschaftlich für das Ziel einer neuen sozialen Architektur tätig. Denn die Verfassungsfrage stellt sich weiterhin. Wenn man die Zeichen der Zeit richtig deutet, dann kann man sehen, wie Europa angesichts der Krisen vor dem größten Integrationsschritt seiner Geschichte steht. Du siehst, in Achberg geht's immer noch ums Ganze! Es sind große Perspektiven, die aber nur aus einer lebendigen politischen Bewegung heraus in die richtige Richtung gelenkt werden können. Wenn diese Bewegung aber keine wirklichkeitsgemäßen Begriffe und Ideen hat, wenn sie nicht gleichzeitig eine geistige Bewegung ist, dann kann die Aufgabe nicht gelingen. Und deshalb sind wir ja auch hier am Goetheanum mit unserem Modell und unseren Informationen.

M.Ch.: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft. Mit dem Tod von Wilfried Heidt steht Ihr vor einem Generationenwechsel. Was ändert sich für Euch?

G.S.: Generationenwechsel – das ist so ein Begriff, wie er etwa innerhalb von Parteien verwendet wird, wenn die alte Garde abgesägt wird im Zuge von Machtkämpfen. Damit hat unsere Situation in Achberg nichts zu tun! Natürlich bin ich ziemlich genau eine Generation jünger als Wilfried. Aber wir haben schon in den letzten Jahren die Arbeit weitgehend gemeinsam gestaltet und verantwortet. Für mich ist das also kein Wechsel auch wenn sich natürlich sehr vieles ändert, wenn so eine Individualität wie die Wilfried Heidts nicht mehr da ist bzw. wenn ihr Arbeitsplatz jetzt an einem anderen Ort ist. Denn das müssen wir doch ernst nehmen, die Zusammenarbeit mit den Toten. Ganz konkret! Aber sehr erfreulich ist, dass jetzt wieder viele Menschen aufgetaucht sind, die aus den unterschiedlichsten Gründen lange nicht oder nicht mehr so eng teilgenommen haben an der Arbeit. Zum Beispiel hat auch Ulrich Rösch, der ja bis vor kurzem noch hier am Goetheanum in der sozialwissenschaftlichen Sektion tätig war, wieder Verantwortung in Achberg übernommen, als Vorstandsmitglied im Internationalen Kulturzentrum. Man wird sehen, was aus den verschiedenen Kräften durch Vertreter mehrerer Generationen jetzt auf die Beine gebracht werden kann. Alle sind eingeladen mitzuwirken.

M.Ch.: Ist schon Konkretes geplant, woran man mitwirken könnte?

G.S.: Eines der Projekte, das jetzt im Mittelpunkt steht, ist die Aufgabe einer „Beratungskonferenz“ für das nächste Jahr – ein Projekt, an dessen Vorbereitung Wilfried Heidt noch bis zu seinem letzten Tag gearbeitet hat. Was sind die Herausforderungen für das Wirken aus dem Impuls der Dreigliederung im 21. Jahrhundert? Das soll die Frage der Beratungskonferenz sein. Wie kommen wir zu einem „kollegialischen Zusammenwirken“ (Rudolf Steiner am 1. August 1920) aller Kräfte innerhalb der anthroposophischen Bewegung und darüber hinaus mit den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Strömungen? 2019 – also in sieben Jahren – wird es 100 Jahre her sein, dass der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus in die Welt getreten ist oder wie Rudolf Steiner es ausdrückte in Bezug auf die Gesetzmäßigkeit der 33-jährigen Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse: als „Impuls hineingeworfen wurde in den Strom des geschichtlichen Werdens“ (am 23. Dezember 1917) – 2017-18-19 haben wir also die dritte “Umlaufzeit” dieses Impulses und damit verbundenen seine Auferstehung. Die Herausforderungen werden da sein, sie werden kulminieren! Wird es uns gelingen, dass auch die Anthroposophie als Bedingung für eine umfassende kulturelle Erneuerung „eine gewisse Kulmination in der Erdenzivilisation erlangt“? Steiner formuliert dies ja als Notwendigkeit für das Jahrhundertende! Die Alternative sei der Niedergang, so seine Prophezeiung (am 19. Juli 1924). Das Jahr 2000 ist vorübergegangen, ohne das die „Kulmination“ breit wahrgenommen wurde. Aber das Jahrhundertende ist noch nicht abgeschlossen, es ragt ins 21. Jahrhundert hinein. Denn was durch die Geisteswissenschaft an den Beginn des neuen Zeitalters nach dem Ende des Kali Yuga gestellt wurde, das kann jetzt in der Auferstehungszeit von 3x33 Jahren durch uns aufgegriffen werden – wenn wir es wollen!

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Nachtrag: In der Zwischenzeit ist das Interview in gekürzter Form auch auf der Seite der Sektion für Sozialwissenschaften des Goetheanum, der freien Hochschule für Geisteswissenschaft.



Einige weitere Eindrücke von dem Wochenende am Goetheanum