Sonntag, 16. September 2012

Gangandi Greiði - Auftakt


"So wußte ich nichts Rechtes damit anzufangen,
als ich den nordischen Volksgeist einmal befragte
über den Parzival und er sagte: Lerne verstehen das Wort,
das durch meine Kraft geflossen ist in die nordische Parzivalsage:
'Ganganda greida' – die herumlaufende Labung etwa – so ähnlich!
Ich wußte nichts damit anzufangen." (Rudolf Steiner in Leipzig am 1. Januar 1914)

Was will der Blog "Gangandi Greidi"?


Die Zeit ist eine Realität. Sie offenbart sich in den Gesetzmäßigkeiten der Geschichte. Aus ihrem Reichtum wirken die Impulse vergangener Taten in die Gegenwart herein. Im Hier und Jetzt liegt die Aufgabe, die Ideen, die als Ur-Sachen aus der Zukunft hereinleuchten, in Freiheit zu ergreifen und im inneren wie äußeren "Gespräch" mit dem Gewordenen zu verweben.

Damit sind wir vor drei Herausforderungen gestellt:

1. von der Vergangenheit zu wissen,
2. die Zukunft zu erkennen und
3. die Gegenwart zu gestalten.

Um diese dreifache Herausforderung soll es in diesem Blog gehen.



Die Quelle aus der dafür zu schöpfen ist, ist die von Rudolf Steiner in einem umfangreichen Werk dargelegte anthroposophische Geisteswissenschaft.

Die Suche nach dem heiligen Gral - heute


Die Anthroposophie - als eine Wissenschaft, die neben dem Seelischen und Leiblichen auf das Geistige in Mensch und Welt das Augenmerk richtet - wurzelt im abendländischen Geistesleben. Der Christusimpuls steht in ihrem Zentrum. Und so kann die Suche nach dem, was im Zusammenfließen der beiden Zeitenströme als die Aufgaben der Gegenwart zu ergreifen und zu gestalten ist, auch als die Suche nach dem heiligen Gral bezeichnet werden. Der Gral beruft seine "Ritter" - auf ihm erscheint der Name des Parzifal. Bei Richard Wagner wird es noch deutlicher ausgesprochen; der Gral entsendet seine Ritter in die Welt, um dort tätig einzugreifen, wo die Not es gebietet. Dieser so verstandenen Grals-Sphäre entstammt auch der Name, mit dem dieser Blog bezeichnet ist: Gangandi Greidi.

Es ist der durch den nordischen Volksgeist inspirierte Name für den Gral in der nordische Parzivalsaga, die in einer Handschrift vom Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts überliefert ist und ihrerseits wohl auf den altfranzösischen Parzival-Roman von Chrétien de Troyes zurückgeht.

Gangandi Greidi - Die hinwandelnde Wegzehrung und die neue "Sternenschrift"

"Wo also ist der Gral, der heute so gefunden werden muß, daß darauf steht der Name des Parzival, wo ist er zu finden? Nun, Sie sehen, im Verlaufe meiner Forschung hat sich mir ergeben, daß er in der Sternenschrift gesucht werden muß. [...] Und dann ergab es sich mir eines Tages, den ich als einen für mich besonders bedeutsamen ansehen muß, wo die goldglänzende Schüssel in ihrer Realität zu finden ist; zunächst so, daß wir durch sie – da, wo sie sich durch ihr Sternenschriftsymbolum ausdrückt – geführt werden auf das Geheimnis des Gral. Und da sah ich denn in der Sternenschrift dasjenige, was jeder sehen kann – nur findet er zunächst nicht das Geheimnis der Sache. Denn eines Tages erglänzte mir, als ich mit innerem Schauen verfolgte die goldglänzende Mondsichel, wenn sie am Himmel so erscheint, daß der dunkle Mond darin wie eine große Scheibe schwach sichtbar ist, so daß man schaut äußerlich-physisch den goldglänzenden Mond – Ganganda greida, die hinwandelnde Wegzehrung – und darin die große Hostie, die dunkle Scheibe, das, was man nicht sieht vom Monde, wenn man nur oberflächlich hinschaut, was man sieht, wenn man genauer hinschaut. Denn dann sieht man die dunkle Scheibe, und in wunderbaren Lettern der okkulten Schrift auf der Mondessichel – den Namen Parzival!" (Rudolf Steiner am 1. Januar 1914, GA 149)

Rudolf Steiner schildert hier einen Aspekt des Weges der geistigen Forschung, wo man wach werden muss für das, "was man nicht sieht, wenn man nur oberflächlich hinschaut, was man sieht, wenn man genauer hinschaut", für das, "was jeder sehen kann", wie den durch die Zeiten hinwandelnden Mond, was alle sehen, aber nicht mit geistesgegenwärtigem Denken ergreifen.

Dabei wird von einer "Sternenschrift" gespochen, für die der äußerlich sichtbare Mond das Symbolum ist. Eine "Sternenschrift", die uns zu entziffern aufgegeben ist:
"Ja, es kommt wieder eine Zeit herauf, wo die alte Astrologie in neuer Gestalt, in durchchristeter Gestalt aufleben darf, wo man wiederum, wenn man es nur recht macht, wenn man es macht durchdrungen von dem Christus-Impuls, aufblicken darf zu den Sternen und sie fragen darf um ihre geistige Schrift."

Was ist mit dem Begriff einer "Astrologie in neuer Gestalt, in durchchristeter Gestalt" gemeint? Es soll dabei zunächst an nichts gedacht werden, was gewöhnlich mit "Astrologie" bezeichnet wird. Worum es geht, ist ein neues Verhältnis zwischen Kosmos und Erde, wie es sich ergeben hat durch jenes Ereignis, das den Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung bildet: Das Mysterium von Golgatha.

Und warum "Astrologie"? Deshalb, weil in Christus ein kosmisches Wesen, sozusagen ein "Sternenwesen" herabgestiegen ist zur Erde und sich mit ihr verbunden hat. Dadurch erlangt die "Sternenschrift", als etwas, was aber jetzt "unten" in den irdisch-menschlichen Verhältnissen zu suchen ist, eine neue Bedeutung! Die Sternenweisheit der alten Zeit hat an Bedeutung verloren. In verwandelter Gestalt erlangt sie neue Realität für das geschichtliche Werden der Menschheit:
"Vor dem Mysterium von Golgatha [...] wiesen die Magier auf den Himmel, wenn sie irgendwelche Geheimnisse, auch über die Menschheitsentwickelung, behandeln wollten. Auf die Konstellationen wiesen sie hin. Wie ein Stern sich zum andern stellt, in dem erschauten sie, was hier unten auf der Erde vor sich geht. In dem Augenblicke aber, als sie geschaut haben, was auf der Erde vor sich ging, aus dem Zeichen des Standes der Sonne in der Jungfrau vom 24. auf den 25. Dezember, da sagten sie: Es muß nun auch die Sternenkonstellation in den menschlichen Handlungen auf der Erde selbst in unmittelbarer Weise geschaut werden." (Rudolf Steiner am 23. Dezember 1917, GA 180)
Nun beginnt sich zu erfüllen, was von Alters her als Weisheit überliefert ist in dem hermetischen Grundsatz der Tabula Smaragdina: "Quod est inferius, est sicut quod est superius, et quod est superius, est sicut quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius" - "Was unten ist, ist wie das, was oben ist und was oben ist, ist wie das, was unten ist, um das Wunder des Einen zu vollbringen."

Und dieses neue Verhältnis von oben und unten, die "Sternenkonstellation in den menschlichen Handlungen" offenbaren sich in ganz konkreten Gesetzmäßigkeiten. In dem zitierten Vortrag von 1917 weißt Rudolf Steiner auf das wichtigste hin, auf das Gesetz der 33-jährigen Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse, das sich ergibt aus der Lebenszeit des Christus-Jesus:
"Alle Dinge im geschichtlichen Werden erstehen nach dreiunddreißig Jahren in verwandelter Gestalt aus dem Grabe, durch eine Gewalt, die zusammenhängt mit dem Heiligsten und Erlösendsten, das die Menschheit durch das Mysterium von Golgatha bekommen hat."
Und Rudolf Steiner fügt hinzu:
"Aber das Mysterium von Golgatha will nicht nur sentimental beschwätzt werden. Das Mysterium von Golgatha will verstanden werden mit den höchsten Weisheitskräften, die dem Menschen zugänglich sind. Das Mysterium von Golgatha will empfunden werden mit dem Tiefsten, was der Mensch in seiner Seele erregen kann, wenn er das, was die Weisheit in ihm entzünden kann, in den Untergründen der Seele selber sucht, wenn er von Liebe nicht bloß redet, sondern diese Liebe entflammt dadurch, daß er seine Seele verbindet mit dem, was als Weltenseele wallt und strömt durch der Zeiten Wende, wenn er sich aneignet Sinn und Verständnis für die Geheimnisse des Werdens. Denn so, wie einstmals zu den alten Magiern sprach der Sternenhimmel, wie sie ihn fragten, wenn sie irgend etwas vollbringen wollten im sozialen Menschenwerden, so hat derjenige, der in der heutigen Zeit irgend etwas im sozialen Menschenwerden vollbringen will, hinzuschauen auf die Sterne, die auf- und untergehen im geschichtlichen Werden. Und wie berechnet worden ist die Umlaufszeit der Sterne um die Sonne, so ist berechnet in der wahren geschichtlichen Menschenweisheit die Umlaufszeit der geschichtlichen Ereignisse. Und diese Umlaufszeit ist von einem Weihnachten zu einem Ostern, das dreiunddreißig Jahre nachher liegt. So regeln die Geister der Umlaufszeiten dasjenige, in dem die Menschenseele lebt und webt, indem sie nicht bloß eine persönliche Wesenheit ist, indem sie eine in das geschichtliche Werden hineinverwobene Wesenheit ist."

Der Christus-Impuls ist von der Seele der Erde in ihre Aura aufgenommen worden

 

Was Rudolf Steiner hier im Dezember ganz konkret auf das eine zentrale Gesetz der Umlaufzeit bezieht und auch hier mit dem Begriff der "neuen Astrologie" verbindet, das hat er in den oben zitierten Januar-Vorträgen von 1914 in einer allgemeineren und umfassenderen Weise zum Ausdruck zu bringen versucht.

Er zitiert dort Johannes Kepler in einem Gedanken, der das neue Verhältnis von Kosmos und Erde, das sich ergeben hat durch das Herabsteigen des Christus in die Sphäre des Irdischen zum Ausdruck bringen soll:
"In der ganzen Schöpfung findet sich eine herrliche wundervolle Harmonie, und zwar sowohl im Sinnlichen als im Übersinnlichen, in Ideen sowohl als in Sachen, im Reiche der Natur und der Gnade. Diese Harmonie findet sowohl in den Dingen selbst als auch in ihren Verhältnissen zueinander statt."
und erläutert:
"Es ist das zugleich ein Mann [Kepler], der es tief empfindet, daß die Erde nicht bloß das ist, was uns die heutige materialistische Geologie vormachen will, etwas rein Physisches, Mineralogisches, sondern der fühlt, daß die Erde ein lebendiges Wesen ist, etwas, was nicht nur Körper hat, wie der heutige Materialist glauben machen will, sondern was Seele hat. [...] er wußte es so, daß er fühlen durfte – wenn er auch, da es dazumal noch nicht die heutige Geisteswissenschaft gegeben hat, es nicht aussprechen konnte: Der Christus-Impuls ist von der Seele der Erde in ihre Aura aufgenommen worden, und da darf der Mensch, der sich nun fühlt in der Erdenaura mit seiner Seele und den Christus-Impuls mitfühlt, wiederum zu dem, was in den Sternen geschrieben ist, hinaufblicken."
Und so zeigt sich - und davon soll in diesem Blog künftig berichtet werden - dass alles Geschehen, das uns auf unseren Schicksalswegen begegnet, Offenbarung eines gesetzmäßigen Geschehens ist, das wahrzunehmen notwendig ist, wenn wir "etwas im sozialen Menschenwerden vollbringen" wollen. Dieses Wahrnehmen geschieht durch ein lebendiges, waches Denken, wie es Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" (GA 4, In einem Zusatz zur Neuauflage 1918) beschrieben hat: 
"In dem Denken [ist] das Element gekennzeichnet, durch das der Mensch in die Wirklichkeit sich geistig hineinlebt. […] Außer dem Denken kann die Kennzeichnung als Wirklichkeit nicht liegen. Also darf nicht etwa vorgestellt werden, daß die sinnliche Art des Wahrnehmens die einzige Wirklichkeit verbürge. Was als Wahrnehmung auftritt, das muß der Mensch auf seinem Lebenswege schlechterdings erwarten.
Hier kommt nun der Aspekt des Schicksals, des Karmas noch hinzu. Auf dem Gral steht der Name des Parzifal – sein eigener, unverwechselbarer Lebensweg ist es, der ihn führt, der jeden Menschen führt, jeden anders. Der Lebensweg – der Ritt bei Tag und Nacht begleitet von Gangandi Greidi – führt durch die sinnliche wie die übersinnliche Wirklichkeit, in die hineinzuleben das Element des Denkens nötig ist: Christus als der Herr des Karmas und der Ich-begabte Mensch – Gral und Lanze.

Wir können den Begriff der neuen Astrologie also noch um den des Karmas erweitern: Neue, durchchristete Astrologie, die den Blick nach oben richtet und die Sternenschrift befragt, um die Konstellationen „in den menschlichen Handlungen auf der Erde“, deren Seele den „Christus-Impuls in ihre Aura aufgenommen“ hat, anzuschauen. Hier wird Karma real erlebbar – insofern die "Tableaus" dessen, was einem auf den Wegen begegnet als "Labung" des wandelnden Grals, zugleich auch „praktische Karmabetrachtungen“ (Rudolf Steiner 16. April 1924, GA 240) sind:
„Anthroposophie ist nicht da, um bloß Theorien von wiederholten Erdenleben zu entwickeln und allerlei Schemata zu geben, sondern um die ganz konkreten geistigen Untergründe des Lebens zu zeigen. Die Menschen werden ganz anders in die Welt blicken, wenn wir diese Dinge zur Enthüllung bringen. Wenn es einmal sein soll, werden wir darauf hinzuweisen haben, wie das nun auch in die Taten der Menschen eingreifen kann. Wenn Sie solches wissen, wird sich schon zeigen, daß derlei wirkliche praktische Karmabetrachtungen dasjenige sind was unsere Zivilisation als Einschlag, als Vertiefung braucht.“

Ohne all das, was hier nur angedeutet werden konnte, indem hier zum Auftakt der Name dieses Blogs "Gangandi Greidi" betrachtet wurde, bleibt die dreifache Herausforderung, von der am Anfang gesprochen wurde, abstrakt. Berücksichtigen wir hingegen, was uns von den Sternen her strahlt in den Fügungen unseres Inkarniertseins auf Erden, kann erfüllt werden, was an Herausforderungen uns begegnet, erfüllt werden, "was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen" (Rudolf Steiner anlässlich der Weihnachtstagung zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24, s. GA 260).


Venus, Jupiter und die Mondsichel vor dem Sternbild Widder am westlichen Abendhimmel des 25. März 2012 - fotografiert von Gerhard Schuster.


Das Header-Bild ist der Versuch, die "Gangandi-Greidi-Sphäre" künstlerisch umzusetzen. Es ist die Bearbeitung eines für diesen Blog entwickelten Entwurfes von Ines Kanka.


Nachtrag 15./16. April 2013:

Ich konnte am gestrigen 15. April über das Verfolgen verschiedener und verschlungener "Gangandi-Greidi-Wege", auf die man durch Fügungen geführt wird und auf denen man etwas bemerken kann, wenn man genauer hinschaut (s.o.), in Erfahrung bringen, wer es eigentlich war, der zum ersten mal das hier beschriebene Phänomen der Sichtbarkeit des nicht von der Sonne beschienen Teil des Mondes, vor allem wenn dieser nur eine schmale Sichel zeigt, physikalisch richtig als ››› "Erdschein" beschrieben hat. Es war Leonardo da Vinci, dessen Aufzeichnungen dazu im sog. ››› Codex Leicester zu finden sind.

Das Blatt des Codex Leicester, auf dem das Phänomen dargestellt wird.
Ausschnitt: Die Mondsichel mit der in ihr liegenden
Mondenscheibe
Diese bekannte Tatsache war mir bisher – obwohl ich dieses Bild ja zum Leitmotiv meines Blogs gemacht habe – entgangen. Dass ich diese Lücke gerade an einem 15. April, also an Leonardos Geburtstag schließen konnte, gehört zu dem angedeuteten Fügungsgeschehen weit verzweigter Wege dazu. Wie die Wege ihren Anfang nahmen, wo und wie sie weiterführten, welche Schlingen sie machten, um am Ende auf diesen Sachverhalt zu stoßen und was das in noch tieferer Hinsicht zu bedeuten hat, gehört zu den schwer mitteilbaren intimen Vorgängen, von denen hier auf diesen Seiten wenigstens ein gewisser schwacher Abglanz sich finden soll.