Montag, 6. Oktober 2014

Denken als okkulte Kraft – statt Hellsehen

Der folgende Aufsatz ist ein Beitrag von Roland Tüscher in der Nr. 17/2014 der anthroposophischen Mitglieder-Korrespondenz "Ein Nachrichtenenblatt" der Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie. Er erscheint hier als Gastbeitrag, da sein Inhalt Wesentliches, was auch zum geisteswissenschaftlichen Selbstverständnis dieses Blogs gehört, in pointierter Weise zur Sprache bringt.

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„Unsere Aufgabe besteht heute darin, das Okkulte im Manas, im reinsten Element des Gedankens zu erfassen. Das Erfassen des Spirituellen in diesem feinsten Destillat des Gehirns ist die eigentliche Mission unserer Zeit. Diesen Gedanken so kraftvoll zu machen, dass er etwas von okkulter Kraft hat, das ist die uns gestellte Aufgabe, um unseren Platz für die Zukunft ausfüllen zu können.“[1]
Rudolf Steiner


Kopf der Mitglieder-Zietischrift "Ein Nachrichtenblatt"
1909 hält Rudolf Steiner einen Rückblick auf die ersten sieben Jahre Erarbeitung von Anthroposophie und fragt: „Welches ist die richtige Art, in der sich der Anthroposoph zur Geisteswissenschaft selber stellen kann?“[2] In einer relativistisch gewordenen Auffassung von Anthroposophie, wie sie sich heute ausbreitet, würde eine solche Fragestellung aus dem Munde jedes andern Anthroposophen wie eine Provokation klingen. Wer nimmt sich heraus, über die “richtige“ Art der Stellung zur Anthroposophie zu entscheiden? Das kann doch im Sinne “freilassender Offenheit“ nur jeder für sich selber tun?


Vortrag vom 13. November 1909
Rudolf Steiner geht es dabei um eine bestimmte Unterscheidung: Werden die Mitteilungen der Geistesforschung bloss geglaubt? Dann, so seine Sicht, „würde geradezu etwas im höchsten Grade Unvollkommenes in diesen Mitteilungen liegen … wenn diese Mitteilungen bloss auf Autorität, bloss auf Glauben Anspruch machen würden.“

Es würde also darum gehen, den blossen Glauben zu überwinden, den Wahrheitsgehalt solcher Mitteilungen durch eigenständige übersinnliche Erlebnisse festzustellen? Was nun überraschend sein mag: Rudolf Steiner betont, dass es gerade nicht darum gehe, eigene übersinnliche Erlebnisse zu haben. Dies wäre „ungeheuer irrtümlich, und zwar in jeder Beziehung irrtümlich.“ In jeder Beziehung … das ist eine entschiedene Absage an die Wahrheitsfindung durch eigenes übersinnliches Schauen. Warum?

Hellsichtigkeit, so Rudolf Steiner, sei nicht eine Fähigkeit des Ich.

Die Fähigkeiten des Ich, um die es in der Gegenwart gehe, seien diejenigen des Denkens, des Unterscheidungsvermögens, der Logik. Und diese müssten heute vor einer neuen Hellsichtigkeit ausgebildet werden. Man kann sich hier eventuell leicht täuschen, was damit gemeint sei. Denn vernünftig Denken kann doch im Prinzip heute, im digitalen Zeitalter, jeder?

So präzisiert Rudolf Steiner, wie er einem seiner Schüler zum Zwecke der Ausbildung des Denkens die Ethik Spinozas empfohlen habe, was eine gedanklich sehr anspruchsvolle Lektüre ist. Der Schüler kam zurück und meinte „ja, er wisse eigentlich nicht, warum er das studieren solle; denn es sei verhältnismässig ein dickes Buch und alles liefe darin doch nur darauf hinaus, das Dasein Gottes zu beweisen. Das habe er aber niemals bezweifelt und brauche deshalb nicht lange Gedankengänge durchzumachen, um das Dasein Gottes zu beweisen.“ Jener Schüler hatte sich offenbar die Empfehlung nicht zureichend vergegenwärtigt. Er hielt den Inhalt für das Wesentliche. Dies entspricht einer Haltung, die im Umkreis hellsichtiger Persönlichkeiten häufig auftritt: Aufnehmen von unendlichen übersinnlichen Bildfolgen, je nach Autor auch verstandesmässig sehr gut durchgearbeitet, jedoch ohne Reflexion auf den Schulungsaspekt des rein begrifflichen, sich selbst tragenden Denkens.

Rudolf Steiner: „Sehen Sie, das ist so richtig ein Beispiel für jene Bequemlichkeit, mit der heute viele Menschen an die Geisteswissenschaft herankommen. Sie sind sozusagen schnell zufrieden, wenn sie sich einen Glauben erworben haben, und sie scheuen die Mühe, sich Stück für Stück jene Vorstellungen, die ja unbequem sind, zu erwerben, auszubauen. Dadurch kann aber niemals etwas anderes herauskommen, als blinder Glaube.“ In der denkenden Durcharbeitung der physisch-sinnlichen Tatsachen, und wie sie zu einer übersinnlichen Forschung in Beziehung gebracht werden können, so Steiner weiter, darin bestehe die eigentliche, moderne Ich-Tätigkeit. Und gerade diese Ich-Tätigkeit finde bei blosser Hellsichtigkeit nicht statt.

Gegenwärtig, wo eine nicht auf Gedankenarbeit fundierte Hellsichtigkeit Ziel fast jeder spirituellen Richtung ist und fortdauernd auch in die Auffassung von Spiritualität in der anthroposophischen Bewegung hineinragt, gewinnt dieser Gesichtspunkt an Aktualität.

Einmal deswegen, so Rudolf Steiner an zitierter Stelle weiter, weil die Rückerinnerung an eine frühere Inkarnation auf einer derartigen Gedankenarbeit beruhe. Wir können in der kommenden Inkarnation die jetzige nicht erinnern, wenn wir nicht jetzt das reine, sinnlichkeitfreie Denken ausbilden. Dann ist diese Gedankenarbeit wesentlich, weil das menschliche Unterscheidungsvermögen eine Grösse sei, die „erst auf unserer Erde ausgebildet werden [kann]. So dass dasjenige, was Menschen hier auf dem physischen Plane denken, ein Einzigartiges ist und zu dem hinzukommen muss, was in den höheren Welten möglich ist.“ Die Fähigkeit des reinen Denkens kann dem Menschen also nicht aus den übersinnlichen Welten verliehen werden. Sie kann ihm überhaupt nicht verliehen werden, auch nicht durch Vererbung oder eine wie auch immer gedachte spirituelle Sukzession.

Zunächst fühlt man das nicht, dieses Einzigartige des reinen Denkens. Im kulturellen Selbstverständnis der Gegenwart ist tief verwurzelt, dass Gedanken “nur Abbilder“ dessen sind, was wahrgenommen werden kann. Das geht natürlich gelegentlich auch so weit, dass die Gedanken, die aus der Anthroposophie aufgenommen werden “nur wie Abbilder“ aufgefasst werden, dass das Eigentliche in der hellsichtigen Schau liege, die dann erst wirklich die Wahrheit liefere. Wer so denkt, wird unter Umständen leicht die Neigung haben, jemanden, der übersinnliche Schauungen hat, als Autorität, als Träger der Wahrheit usw. aufzufassen. Und wenn dieser es auch wäre, es wäre dennoch nicht von weitreichender Bedeutung. Die Mitteilungen geistiger Forschung sollen im Wesentlichen gerade nicht als Wahrheiten bloss hingenommen werden, sondern sie sollen als Prüfsteine aufgefasst werden, an denen der eigene Intellekt sich zur selbständigen Tätigkeit aufrafft. Wobei da nicht an das Lesen übersinnlicher Mitteilungen gedacht ist, sondern an eine arbeitende Qualität wie sie beispielsweise an Spinoza geübt werden kann. Diese Qualität gilt es, präzise ins Auge zu fassen:

„Die Dinge hängen in der Welt nicht nur so zusammen, wie wir sie oftmals in unseren abstrakten Begriffen uns vorstellen, nein, sie hängen als Realitäten zusammen, und eine wichtige Realität ist die folgende: Gewiß, es kann nicht jeder heute schon zur Imagination, zur Inspiration, zur Intuition aufrücken. Dasjenige aber, was wir in alle diese Erkenntnisstufen hinein auch als Geistesforscher mitnehmen, das ist das Denken, das einen Gedanken aus dem andern mit innerer Notwendigkeit entwickelt. Dieses Denken kann nun jeder Mensch, der sich ihm unbefangen hingeben will, erleben. Und daher kommt es, daß alle geisteswissenschaftlichen Resultate stets, wenn sie gefunden sind, auch durch das reine Denken nachgeprüft werden können, weil der Geistesforscher dieses reine Denken in alle seine Vorstellungselemente mit hineinnimmt.“[3]

Es geht darum, sich einen soliden Begriff von dieser Forderung zu verschaffen. Was heisst es einen Gedanken aus dem andern mit innerer Notwendigkeit zu entwickeln? Eine solche Denktätigkeit hat eine tiefe Bedeutung. Nicht nur, dass sie ein Einzigartiges ist, das nur auf der Erde erworben werden kann:

„Und wer nicht denken will auf Erden, der entzieht den Göttern, worauf sie gerechnet haben, und kann also das, was eigentlich Menschenaufgabe und Menschenbestimmung ist auf der Erde, gar nicht erreichen.“[4]

Doch nicht nur in sich selbst hat das denkende Tun eine wesentliche Bedeutung. Auch in seiner spezifischen Beziehung zum hellsichtigen Erleben steht es einzigartig da: „Was sich aus höheren Welten offenbart, das prägt sich am allerbesten ein in diejenigen Formen des Vorstellens, die wir als Gedanken diesen höheren Welten entgegenbringen; das ist das beste Gefäss.“ So scheint es für die Offenbarungen der übersinnlichen Welt Gefässe unterschiedlicher Qualität zu geben. Eine andere Qualität liegt in der Form des Bildes. „Sagen wir, Sie sehen eine Engelgestalt, dieses oder jenes Symbolum, das dieses oder jenes ausdrückt, meinetwillen ein Kreuz, eine Monstranz, einen Kelch – das ist da im übersinnlichen Felde, das sehen Sie als fertiges Bild. Sie sind sich klar: das ist keine Wirklichkeit, aber es ist ein Bild.“

Ein übersinnlich wahrgenommenes Bild ist nicht zugleich Wirklichkeit? Diese Vorstellung ist keineswegs selbstverständlich. In aller Regel werden in der Gegenwart Erzählungen von erlebten übersinnlichen Bildern so vermittelt und aufgenommen, dass es sich dabei um Wirklichkeiten oder doch direkt gültige Abspiegelungen von Wirklichkeiten handle. Für ein denkendes Durcharbeiten hilft dann nichts, wenn der Okkultist mitteilt, seine Bilderzählungen seien exakt und intensiv geprüfte Übersetzungen aus der eigenen Schauung, solange er keine begriffliche Darstellung seiner Übersetzungstechnik liefert, bzw. solange sein Darstellungsstil sich nicht in der (siehe oben) geforderten Form sich gegenseitig notwendig bedingender Gedanken bewegt – ansonsten man ihm eben nur glauben kann.

Rudolf Steiners Gesichtspunkt unterscheidet zwischen Bildwahrnehmung und Wirklichkeit. Was gibt dem Bewusstsein die Einsicht in die Wirklichkeit? Im Erkennen ist es der Begriff, der, mit der Wahrnehmung zur Deckung gebracht, Wirklichkeit verbürgt. Damit ist jedoch nicht das ‚richtige Wörtchen’ gemeint, das auf die Wahrnehmung passt. Das blosse Erinnerungsvermögen holt sich angesichts einer bestimmten Frucht, die am Baum hängt, das passende Wort ‘Apfel’ aus seinem Fundus. Eine eigenständige, ich-geführte Begriffs-Bilde-Tätigkeit hat dabei noch nicht stattgefunden. Nicht anders ist, wenn eine übersinnliche Schau vorliegt und sich das Gedächtnis aus dem Fundus anthroposophischer Begriffe passende Worte besorgt und diese nur vernünftig, oder auch nur genial-vernünftig, verknüpft.

Wenn ich auf die Zahlen Zwei, Fünf und Vier die Regel der Addition anwende, so bin ich elementar begrifflich aktiv. Wenn es mir gelingt, die drei Zahlen zusammenzuzählen, war ich denkend tätig und weiss auch genau, dass ich nicht multipliziert habe. Ich weiss, welche Regel ich wie angewendet habe und welche nicht. Die Kraft der Unterscheidung und des zusammenhang-schaffenden Denkens hat in diesem Fall wirklich eingesetzt. Und sie kann sich im Feld der sinnlichen Wahrnehmung bewähren, wenn dort die Mengen Zwei und Fünf und Vier auftreten.

Die damit angedeutete Sicherheit im Urteil ist nach Rudolf Steiner hinsichtlich übersinnlicher Wahrnehmungen nur dann vorhanden, wenn gedanklich gearbeitet wurde. Und zwar vor dem Auftreten des übersinnlichen Bildes. Tritt dann bei dem Schauenden das Bild auf, „dann ist die Erscheinung schon mit dem Urteil, mit dem Gedanken durchsetzt, und er kann genau wissen, ob sie ein Scheinbild ist, ob da seine eigenen Wünsche objektiviert sind, oder ob sie objektive Realität ist“. Es sind also bei übersinnlichen Erlebnissen, anstelle von objektiver Realität, “Scheinbilder“ möglich.

Das Reale, das mit dem arbeitenden Gedanken Durchsetzt-Sein ist wiederum in ganz anderer Hinsicht noch entscheidend: „Gerade das hat Wert nach dem Tode, was man verstanden hat, gleichgültig, ob es geschaut ist oder nicht. Und nehmen Sie den tiefsten Eingeweihten: durch sein Hellsehen kann er die ganze geistige Welt schauen, aber das erhöht seine Bedeutung nach dem Tode nicht, wenn er nicht in menschlichen Begriffen diese Tatsachen auszudrücken imstande ist. Nach dem Tode helfen ihm nur diejenigen Dinge, die er hier als Begriffe hat.“ Begriffe also in dem Sinne, wie oben an Spinoza, bzw. den notwendig auseinander hervorgehenden Gedanken angedeutet. Die Bildwahrnehmungen, die im Zusammenhang des übersinnlichen Erlebens auftreten können, müssen nach Rudolf Steiner sogar ganz losgelassen werden, wenn die geistige Welt betreten werden soll: „Von dem Bilde dürfen Sie nichts mitbringen.“

Es ist also für die Geistesforschung im Gegensatz zur Hellsichtigkeit ganz klar: nichts in dem wahrgenommenen, übersinnlichen Bilde darf als unmittelbarer Wahrheitsgehalt aufgefasst werden. Wesentlich zum Bild hinzuzufügen ist das Reinbegriffliche, das durch denkende Arbeit erst neu geschaffen wird. Und zwar wie erwähnt, vor der Gewinnung der neuen Hellsichtigkeit. Damit ist festzuhalten: wenn moderne Geistesforschung vorliegt, vermag der Forscher detaillierten Bericht von seiner den übersinnlichen Bildwahrnehmungen vorausgegangenen gedanklichen Arbeit zu geben.

Rudolf Steiner betont dementsprechend generell, wie das „innerlich-sinnlich-bildlose“ Gedenken – gerade auch an die historische Handlung auf Golgatha – als das neue gepflegt werden sollte:

„Äußerlich in der Geschichte erscheint [im Mysterium von Golgatha], was tief innerlich in dem Heiligtum der [vorchristlichen] Mysterien sich vollzogen hat. Für alle Menschen ist da, was vorher nur für die Eingeweihten da war. Man braucht kein [Adonis-] Bild mehr, das in das Meer versenkt wird, das symbolisch aus dem Meere aufersteht. Man soll vielmehr haben den Gedanken, die Erinnerung an das, was auf Golgatha wirklich geschehen ist. An die Stelle des äußeren Sinnbildes, das sich eben auf einen Vorgang, der [in den vorchristlichen Mysterien] im Raum erlebt wurde, bezog, sollte treten das innerlich sinnlich bildlose Gedenken, das bloß in der Seele erlebte Gedenken an die historische Handlung auf Golgatha. … Was im Geiste erlebt werden konnte, das stellte man [in den vorchristlichen Mysterien] in der Kultushandlung, in der symbolischen Handlung dar. Als aber gerade das Bild der alten Zeit getilgt werden sollte, als Erinnerung – bildlose, innere, seelisch erlebte Erinnerung an das Mysterium von Golgatha, das dasselbe darstellt – eintreten sollte, da hatte die Menschheit zunächst nicht Kraft, das zu vollziehen, weil der Geist in die Untergründe der Seele des Menschen ging. Da blieb denn bis in unsere Zeit die Sache so, daß man die Anlehnung an die äußere Natur brauchte. Aber die äußere Natur gibt kein Sinnbild, kein vollständiges Sinnbild vom Schicksale des Menschen im Tode.  Der  Todesgedanke,  er  konnte  fortleben. Der Auferstehungsgedanke ist immer mehr und mehr geschwunden. Und wenn auch von der Auferstehung als einem Glaubensinhalte gesprochen wird, lebendig ist die Auferstehungstatsache der Menschheit der neueren Zeit nicht. Sie muß es wieder werden, sie muß es dadurch werden, daß anthroposophische Anschauung den Menschensinn wieder erweckt für den wahren Auferstehungsgedanken.“[5]

Wenn man sich durch Hellsichtigkeit gewonnenen, bzw. geisteswissenschaftlichen Mitteilungen zuwendet, wird die hier ins Auge gefasste Unterscheidung zwischen Sinnbild und bildlosem Erleben wesentlich sein können. Man kann sich die Frage vorlegen, welchen Charakter eine dem Übersinnlichen entstammende Mitteilung besitzt, wie sie sich zwischen Bild und Gedanke, reinbegrifflicher Durcharbeitung, bewegt. –

Schon in Bezug auf Rudolf Steiner ist die damit angedeutete Arbeit keineswegs einfach. Sein Darstellungsstil in den schriftlichen Werken wird immer wieder als schwierig erlebt. Man stockt schon nach einem Absatz. Und beim nächsten wird es nicht besser. Man hört dann sagen, für die Gegenwart sei sein Stil nicht mehr zeitgemäss. Aber das Problem ist alt:

„Ich musste schon oft eine sehr eigentümliche Antwort geben, wenn gesagt wurde: Für Anfänger ist das Buch „Theosophie“ doch eigentlich zu schwierig. – Ich musste sagen: Es durfte nicht leichter sein.“ Denn, so die Schilderung Rudolf Steiners, die anthroposophische Darstellungsart fordere, dass zwei unterschiedlich arbeitende Partien des Gehirns (eine innere und eine äussere) zugleich entwickelt werden müssten, weil sie sonst auseinanderfallen würden: eine mehr bildlich arbeitende und eine mehr mit Abstraktionen arbeitende. Es darf nicht bei einer mehr bildlichen Darstellungsart verblieben werden, „dass nicht um der Popularität willen die Sache so verkündet wird, dass sie in ihrer Verkündigung zugleich zum Schaden gereichen könne.“[6]

Wer diesen Zusammenhang nicht zu berücksichtigen versucht, trägt also zu ganz bestimmten Schädigungen bei, wenn er die Inhalte der Anthroposophie oder diejenigen seiner Schauungen bloss bildhaft wiedergebend repräsentiert. Das gilt offenbar für den Okkultisten genauso, wie für jeden anderen, der Anthroposophie veröffentlicht. Tendenzen zu oberflächlicher Popularisierung durch das Bild einerseits und durch Abstraktion andererseits sind heute nicht mehr zu übersehen.

Wie ist es nun, wenn ein zu Bildinhalten neigender Okkultist wenig Wert darauf legt, darzustellen, wie er mit dem denkerischen Unterscheidungsvermögen seine übersinnlichen Schauungen vorbereitet hat? Es müsste ein ernstes Bedenken eintreten. Es geht ja, wie angedeutet, nicht darum, eine vorhandene Begriffswelt, zum Beispiel diejenige der Anthroposophie, recht passend mit den erzählten Bildwelten zu verbinden. Man wäre herausgefordert, Kriterien der Unterscheidung aufzusuchen, aus welchem Grunde eine Bildwahrnehmung mit einem bestimmten Begriffsinhalt verknüpft wird. Beim Begriffsinhalt selber wiederum würde nachzuprüfen sein, inwiefern er rein denkerisch – ohne Rücksicht auf nicht-sinnliche Bilder – erfasst und dargestellt wurde.

Wenn beispielsweise gesagt würde, in der übersinnlichen Schau zeige sich „eine Engelgestalt, dieses oder jenes Symbolum, das dieses oder jenes ausdrückt, meinetwillen ein Kreuz, eine Monstranz, ein Kelch“, so wäre das ja für das Erkennen des Zuhörers nur eine Behauptung. Auch wenn sie im Schauenden wahr wäre, wäre die für das gegenwärtige menschliche Ich entscheidende Aktivität noch nicht da. Die allenfalls auftretende Wendung des Okkultisten “ich habe es so erlebt“, sagt etwas aus über die Auffassungsart des Okkultisten, nicht aber über den Wahrheitsgehalt der Aussagen und des Zusammenhangs der Bilder. Denn er ist sich bewusst: „das ist keine Wirklichkeit, aber es ist ein Bild.“ Der Grund der Verknüpfung von Wahrnehmung und Begriff müsste also angegeben oder die entsprechende Fragestellung aufgeworfen werden. Beides wäre nur Anregung für die selbständige Prüfung des Zusammenhangs durch den Zuhörer. Denn bloss glauben soll er ja nicht, wie wir voraussetzen müssen. Vergegenwärtigen wir uns nochmals: „Wir dürfen nichts mitbringen in die geistige Welt als lediglich die Gedanken; von einem Kreis zum Beispiele nichts von der Kreide [von den bildlich vorgestellten Kreidepartikeln], sondern lediglich die Gedanken von dem Kreise.“ Es geht demnach um das reinbegrifflich-gesetzmässige der Sache – auch beim Lesen oder Hören erzählter Bilder aus dem Übersinnlichen.

Ein weiterer Prüfstein liegt in dem Verhältnis des Okkultisten zu der Sicherheit und dem Geltungsbereich seiner Erkenntnisse. Tritt er so auf, dass im Prinzip alles, was er verkündet, wahr sei? Wenn er Bilderlebnisse für Wirklichkeit hält, wird er nicht leicht nicht anders können. Er müsste ja andernfalls, aus dieser seiner Perspektive, die (vermeinte) Wirklichkeit selbst anzweifeln. Aus dieser Sicht stellt sich die Selbsteinschätzung eines solchen Okkultisten als Befangenheit dar. Es tritt u.U. auf, „dass man mit unbedingter Sicherheit auf seine Visionen schwört und keine Einrede duldet, so dass man es erleben kann, dass die Leute das törichteste Zeug glauben, wenn es ihnen nur vom astralischen Plan aus gesagt wird.“

Was ist also gemeint, wenn Rudolf Steiner über das rechte Verhältnis zu geisteswissenschaftlichen Mitteilungen spricht? Es geht nicht darum, diesen Mitteilungen Glauben oder ein direktes Für-Wahr-Halten entgegenzubringen. „Man soll es sich nicht leicht machen. Man soll es in Betracht ziehen, dass es zu den heiligsten Angelegenheiten des Menschen gehört, sich eine Überzeugung zu verschaffen.“

Es ist durchaus überraschend: hier wird der Begriff der Heiligkeit nicht so mit einer Sache verbunden, dass eine Person, ein Ereignis oder ein Gegenstand in den Horizont der Verehrung eintritt. Aber das Verhältnis zur Wahrheit, welches man sich erarbeitet, dieses Tun wird damit in Verbindung betrachtet. Welche Grösse wird doch der Bildung einer gedankenkräftig individualisierten Überzeugung hier zugesprochen!

Rudolf Steiner selber hat es sich in dieser Hinsicht nicht leicht gemacht. Sagt er doch etwa von seiner Arbeit an der Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften: „Und ich musste mir fast bei jeder Einzelheit, die ich in Bezug auf Goethe zu interpretieren hatte, immer wieder die Methode erobern, über Goethe in Goethes Art zu sprechen.“[7] Fast bei jeder Einzelheit – es wird deutlich, welch ein schier unendliches Ringen da in der Erarbeitung der Methode stattgefunden haben muss. Und von dieser Arbeit im Denken sagt er, die Entwicklung seiner geistigen Erkenntnis-Erlebnisse „ging dadurch viel langsamer vor sich, als es (sonst) der Fall gewesen wäre. … Ich hätte dann meine geistigen Erlebnisse verfolgt und sie ebenso dargestellt, wie sie vor mich hingetreten wären.“[8] Mit anderen Worten, er hätte einfach Erlebnisse erzählt, Bilder geschildert, gedanklich unverarbeitet. Also eben dasjenige, was uns in der Gegenwart so unendlich oft entgegentritt, wenn Anspruch auf wahre Geisterlebnisse gemacht wird (in der New-Age-Esoterik usw.). Und weiter: „Ich wäre schneller in die geistige Welt hineingerissen worden; ich hätte aber keine Veranlassung gefunden, ringend unterzutauchen in das eigene Innere.“[9] Hier sieht man präzise, wie ein Geistesforscher an einem bestimmten Beispiel seine eigenen Begrenzungen wahrnimmt, einordnet und die nächsten Schritte daraus bestimmt. Die denkerische Arbeit verlangsamt das Eintreten in die Geistwelt und fördert den Weg nach Innen. Und weder folgt er einer Autorität, noch regt er dazu an, ihn selber als eine solche aufzufassen. Im Gegenteil: „Es ist tausendmal besser, die spirituellen Vorstellungen erst denkerisch erfasst zu haben und dann, je nach seinem Karma später oder früher, selber hinaufsteigen zu können in die geistigen Welten, als zunächst zu sehen und nicht denkerisch erfasst zu haben, was mitgeteilt wird in der Bewegung, die man die anthroposophische nennt.“ Man mag hellsichtige Persönlichkeiten bzw. deren Erzählungen bewundern und wertschätzen so viel man will, „Es ist tausendmal besser, die spirituellen Vorstellungen erst denkerisch erfasst zu haben … „

Daher ist das Bemerken des Unterschieds zwischen Bildwahrnehmung des Geistigen und Wirklichkeit des Geistigen auch hier entscheidend. Für den Zuhörer stellt sich dasselbe Problem: „Statt in sich die Sachen zu erarbeiten, statt aus sich heraus nachzudenken, nimmt man das Wissen eines andern, die Dinge, die ein anderer gesehen hat, in sich auf. Man verzichtet, denkerisch zu prüfen, was er mitteilt. Das erzeugt dasjenige, was durch die anthroposophische Bewegung an Schäden entstehen kann.“

Durch solche Überlegungen tauchen ganz bestimmte Fragen auf. Rudolf Steiner sieht eine der Anthroposophie adäquate Darstellungsweise darin, das abstrakte und das bildhafte Denken zu verbinden, sie nicht getrennt zu pflegen. In seiner Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung [10] seien die Gedanken „so konstruiert“,[11] dass sie beides berücksichtigen. Es scheint darum zu gehen, nicht Wahrheiten auf die Autorität übersinnlich erlebter Bilder anzunehmen. Lässt sich das in jener Schrift beobachten? Wenn er Begriffe wie Ätherleib oder Empfindungsseele einführt: baut er da nicht gerade auf seine übersinnlichen Schauungen, auf erlebte Bilder? Und welchen Wert sollte ausgerechnet ein abstraktes Denken für solche Erkenntnisse haben?

Wenn man in der Theosophie die vier Kapitel über das Wesen des Menschen unter diesen Gesichtspunkten durchsieht, stellt man vielleicht überrascht fest: Das übersinnliche Schauen spielt für die Entwicklung der Begriffe der höheren Wesensglieder keine Rolle. Nicht ein einziges übersinnliches Erlebnis muss als Autorität für die dargestellten Zusammenhänge herhalten. Keine einzige bildhafte Schilderung macht Anspruch darauf, dass sie geglaubt wird. Das Ganze macht auf den ersten Blick sogar eher den Eindruck einer abstrakten Gedankenentwicklung. Was liegt da vor?

Rudolf Steiner ist bei jedem Gedankenschritt darum bemüht, dem Leser Gesichtspunkte anzudeuten, durch die er den Zusammenhang der Gedanken selber prüfen kann. Zwar lässt er keinen Zweifel daran, dass es ein übersinnliches Schauen gibt. Er führt dies immer wieder an. Die vorgestellten Wahrnehmungen aus der geistigen Schau aber stützen nicht den Begriff, die Aussage über die Wesensglieder.

Die Aussagen werden aufgrund sinnlich erfahrbarer Zusammenhänge aufgebaut. So heisst es bei Einführung des Ätherleibes: „Wie ein lebendes Wesen sich entwickelt, hängt davon ab, aus welchem Vater- oder Mutterwesen es entstanden ist, oder mit anderen Worten, welcher Art es angehört.“ [12] Die herkömmliche Biologie kann das auch so sagen. Wenn auch der Artbegriff für sie nur eine klassifizierende Bedeutung hat. „Die Stoffe, aus denen es sich zusammensetzt, wechseln fortwährend; die Art bleibt während des Lebens bestehen und vererbt sich auf die Nachkommen.“ Auch dies ist einfache Beschreibung eines Naturvorganges. „Die Art ist damit dasjenige, was die Zusammenfügung der Stoffe bestimmt.“ Was auch immer im Einzelnen den Vorgang ausmacht, der hier angedeutet wird: die Zusammenfügung der Stoffe geht so vor sich, dass die Art während des Lebens ihre Identität bewahrt und diese an die Nachkommen weitergibt. Dasjenige, was den Wechsel der Stoffe überdauert, ist an den in der selben Art wiederkehrenden oder bleibenden Gestalten, Formen des Lebewesens ablesbar. Man kann auf etwas schliessen, was dieser Dauer im Wechsel zugrunde liegen muss, etwas was artbildend ist und auf etwas, was die Identität in der Gestaltung der Form bewirkt, eine Kraft. „Diese artbildende Kraft soll Lebenskraft genannt werden.“

Die Schwierigkeit, die sich hier ergibt, ist die, dass die Art als reale Kraft aus den skizzierten Beobachtungen, die jeder machen kann, zwar gedanklich erschlossen werden kann. Aber man sieht diese Kraft nicht als solche, sondern nur eine Wirkung. Damit ist ihr Dasein nicht wirklich erwiesen. Nicht mit den Erkenntnismitteln der Sinne. „Die Äusserungen der Lebenskraft nimmt der Mensch durch die gewöhnlichen Sinne nicht wahr.“ An dieser Stelle wäre es nun einfach, durch die Autorität eines übersinnlich geschauten Zusammenhanges die Wirklichkeit der Lebenskraft zu behaupten. Rudolf Steiner tut das nicht. Er greift zu einem anderen Mittel: „Aber sowenig der Blindgeborene mit Recht die Farben ableugnet, sowenig dürfen die gewöhnlichen Sinne die Lebenskraft ableugnen.“ Auch dies ist noch kein Beweis. Es ist aber dennoch eine Sicherheit gewonnen: Dass die Sinne etwas nicht wahrnehmen, kann nicht zwingend bedeuten, dass es nicht vorhanden ist. Das gewöhnliche, auf die Sinnesinformationen gestützte Denken gelangt damit einfach an eine Grenze. Es ist denkbar, dass es eine Lebenskraft gibt, die so wirkt, wie es erschlossen wurde und die Sinneserkenntnis kann das Gegenteil nicht beweisen. Es muss einfach offen bleiben, ob es dafür eine über den Horizont der Sinneswahrnehmung hinausgehende Wahrnehmungsfähigkeit gibt.

Wenn Rudolf Steiner nun aus der Perspektive des übersinnlichen Schauens auf diese Zusammenhänge blickt, so verändert er den Inhalt des rein gedanklich gewonnenen Begriffes der Lebenskraft nicht. Es „sind für den Menschen die mannigfaltigen, durch die Lebenskraft geschaffenen Arten der Pflanzen und Tiere, nicht bloss die Individuen, auch als Wahrnehmung vorhanden, wenn sich ihm das Organ dafür erschliesst.“ Auch hier: weder wird das tatsächliche Vorhandensein einer übersinnlichen Lebenskraft abstrakt behauptet noch wird eine übersinnliche Schauung ins Feld geführt, die sie beweisen soll. Es wird nur gesagt, was das über die Sinne (Individuen) Hinausgehende ist (Arten), wenn geschaut wird. Man kann sich klar machen, dass der Hinweis auf die übersinnliche Wahrnehmungsfähigkeit nicht verändernd in den gedanklich gewonnenen Begriff eingreift. Es wird in der Sache des Lebenskraft-Begriffes nichts behauptet, was dem Denken nicht zugänglich wäre. Hinzugefügt wird nur, dass die erschlossene artbildende Lebenskraft einer erweiterten Wahrnehmung zugänglich ist. Und von dieser Wahrnehmung wird gerade nicht anschaulich-bildlich erzählt. Vielmehr wird sie ebenso der begrifflichen Durchdringung einverwoben, wie es an den oben nachskizzierten Wahrnehmungen der Sinne auch geschehen ist: „In jeder Pflanze, in jedem Tier empfindet er [der Schauende] ausser der physischen Gestalt noch die lebenerfüllte Geistgestalt.“ Das ist der Hinweis auf das, was der Schauende unterscheidet, nicht wie es aussieht. Die sinnliche wie die übersinnliche Wahrnehmung wird denkend durchdrungen. Mitgeteilt wird das Ergebnis der denkenden Tätigkeit. Und unmittelbar darauf folgt nichts weiter als eine Namengebung: „Um einen Ausdruck dafür zu haben, sei diese Geistgestalt der Ätherleib oder Lebensleib genannt.“

Die abstrakten Begriffe werden so gedacht, dass sie an die Grenze des sinnlich Aussagbaren getrieben werden und sich dadurch der Möglichkeit darüber hinaus liegender Zusammenhänge nicht verschliessen. Die Schauungen werden so verarbeitet, dass sie transparent für das Begreifen der Sache werden. Sodass das geistig Geschaute und die Sinneserfahrung im Begrifflichen eine Durchdringung erfahren. Man schaut nur mit zwei unterschiedlichen Wahrnehmungswerkzeugen auf den selben Zusammenhang. Das eine Werkzeug liefert übersinnliche Wahrnehmungen, das andere liefert sinnliche Wahrnehmungen. Unvollständig sind beide. Sie liefern Erlebnisse, nicht Wahrheit.

Das gesamte Kapitel Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal in Rudolf Steiners Theosophie ist ebenfalls frei von der Darstellung hellsichtiger Erlebnisse. Denn es ist gerade dies das Anliegen, wie in den das Kapitel abschliessenden Sätzen zum Ausdruck kommt: „Ein Denken, welches den Erscheinungen des Lebens sich gegenüberstellt, und das sich nicht scheut, die sich aus einer lebensvollen Betrachtung ergebenden Gedanken bis in ihre letzten Glieder zu verfolgen, kann durch die blosse Logik zu der Vorstellung von den wiederholten Erdenleben und dem Gesetze des Schicksals kommen.“ Entscheidend aber ist der Unterschied zwischen Erlebnis und Wahrheit: „So wahr es ist, dass dem Seher mit dem geöffneten ‹geistigen Auge› die vergangenen Leben wie ein aufgeschlagenes Buch als Erlebnis vorliegen, so wahr ist es, dass die Wahrheit von alledem der betrachtenden Vernunft aufleuchten kann.“ [13]

Auf dem Weg in die übersinnlichen Welten bildet das reine Denken, noch vor den geistigen Erlebnissen, notwendig den ersten Schritt: „Und das übersinnliche Erleben muss sein eine Fortsetzung desjenigen Seelenerlebens, das schon im Vereinigen mit dem reinen Denken erreicht werden kann.“ [14]

Dies bestätigt sich auch, wenn Rudolf Steiner in seiner Geheimwissenschaft im Umriss Übungen zur Imagination darstellt: „Auf den Inhalt der Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, kommt nichts an; dagegen alles auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben herangebildet wird. ...  die Sinnbilder werden so gewählt, dass von ihrer Beziehung auf eine äussere sinnliche Wirklichkeit ganz abgesehen werden kann und ihr Wert lediglich in der Kraft gesucht werden kann, mit welcher sie auf die Seele dann wirken, wenn diese alle Aufmerksamkeit von der äusseren Welt abzieht, wenn sie alle Eindrücke der Sinne unterdrückt und auch alle Gedanken ausschaltet, die sie, auf äussere Anregung hin, hegen kann. ... Es kommt darauf an, dass durch die Konzentration auf die entsprechende Vorstellung oder das Bild die Seele genötigt ist, viel stärkere Kräfte aus ihren eigenen Tiefen hervorzuholen, als sie im gewöhnlichen Leben oder dem gewöhnlichen Erkennen anwendet. ... Diejenigen Sinnbilder, welche in der oben geschilderten Art aufgebaut werden, beziehen sich naturgemäss noch nicht auf etwas Wirkliches in der geistigen Welt.“ [15] Dies sagt: auch Imaginationen sind in ihrem Bildaspekt nicht als Wirklichkeiten zu betrachten.

Geisterlebnisse sind im skizzierten Sinne Wahrnehmungen, nicht Wahrheiten. Sie erweitern das Gebiet, in welchem Wahrheit und Irrtum möglich sind. Die Vernunft, jene immer erreichbare Geistesfähigkeit welcher die Wahrheit aufleuchten kann, erhebt sich über jede Form der Wahrnehmung. Man hat bei Rudolf Steiner wenig für das Verbleiben bei übersinnlichen Bildern – seien sie nun atavistischer Natur oder der Gegenwart entsprechend „gnadevoll erlebt“. [16] Man hat bei ihm jedoch viel für das sinnlichkeit-freie, aktiv-schöpferische Begreifen (Weisheit, Sophia) und damit für das, was die sinnliche wie die übersinnliche Welt in deren Zusammenhang rein-begrifflich durcharbeitet und sie so um eine spezifisch menschliche (Anthropos) Dimension erweitert: durch „sich gegenseitig beweisende Ideen“ [17]. Eine Dimension, welche andernfalls „der Mensch den Göttern entzieht, als etwas‚ worauf sie gerechnet haben.“ [18]

Roland Tüscher



[1]      Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97, Dornach3 1998, S.128 [Düsseldorf, 7. März 1907]
[2]      Alle Zitate und referierenden Hinweise ohne Kennzeichnung aus Rudolf Steiner: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien, GA 117, Dornach2 1986 [Stuttgart, 13. November 1909]
[3]      Rudolf Steiner: Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte, GA 78, Dornach3 1986, S. 148  [Stuttgart, 5. Sept 1921]
[4]      Alle Zitate und referierenden Hinweise ohne Kennzeichnung aus Rudolf Steiner: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien, GA 117, Dornach2 1986 [Stuttgart, 13. November 1909]
[5]      Rudolf Steiner: Mysterienstätten des Mittelalters, Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip, GA 233a, Dornach5 1991, S.114 [Dornach, 19. April 1924] – Hervorhebungen hinzugefügt
[6]      Rudolf Steiner: Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145, Dornach5 1986, S.24 [Den Haag, 20. März 1913]
[7]      Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, GA 28, Dornach7 1962, S.176
[8]      a.a.O, S.176
[9]      a.a.O, S.176
[10]    Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9, Dornach30 1978
[11]    Rudolf Steiner: Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145, Dornach5 1986, S.23 [Den Haag, 20. März 1913]
[12]    Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9, Dornach30 1978, S.35 (auch für folgende Zitate)
[13]    Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9, Dornach30 1978, S.89
[14]    Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höhreren Welten,       GA 10, Dornach24 1992, S.217 - 220
[15]    Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13, Dornach27 1962, S.317, 318
[16]    «So erlebte ich durch meine Goethe-Arbeit den Unterschied einer Seelenverfassung, der sich die geistige Welt gewissermaßen wie gnadevoll offenbart, und einer solchen, die Schritt vor Schritt das eigene Innere immer mehr dem Geiste erst ähnlich macht, um dann, wenn die Seele sich selbst als wahrer Geist erlebt, in dem Geistigen der Welt darinnen zu stehen. In diesem Darinnenstehen empfindet man aber erst, wie innig in der Menschenseele Menschengeist und Weltengeistigkeit mit einander verwachsen können. Ich hatte in der Zeit, da ich an meiner Goethe-Interpretation arbeitete, Goethe stets im Geiste wie einen Mahner neben mir, der mir unaufhörlich zurief: Wer auf geistigen Wegen zu rasch vorschreitet, der kann zwar zu einem engumgrenzten Erleben des Geistes gelangen; allein er tritt an Wirklichkeitsgehalt verarmt aus dem Reichtum des Lebens heraus.»  Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, GA 28, Dornach9 2000, S.176
[17]    Rudolf Steiner: «Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft I.», in: Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum 1924 – 1925, GA 260a, Dornach2 1987, S.107
[18]    Rudolf Steiner: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien, GA 117, Dornach2 1986 [Stuttgart, 13. November 1909]